Marley war tot, damit fangen wir an. Daran gibt es keinen Zweifel. Das Register über sein Begräbnis hatten der Pfarrer, der Totengräber und Scrooge selbst unterschrieben. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel.
In England sagt man „tot wie ein Türnagel“. Ich persönlich verstehe nicht, warum ein Türnagel toter sein soll als ein anderer Nagel. Aber unsere Großväter haben es so gesagt, und ich will ihnen nicht widersprechen. Ich sage es also noch einmal: Marley war so tot wie ein Türnagel.
Das muss man gut verstehen, sonst ist die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, nichts Besonderes.
Wusste Scrooge, dass Marley tot war? Natürlich! Sie waren jahrelang Geschäftspartner gewesen. Scrooge war sein einziger Erbe, sein einziger Freund und der Einzige, der um ihn trauerte. Aber sehr traurig war er nicht. Am Tag der Beerdigung hatte er sogar ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht.
Scrooge hatte Marleys Namen nie entfernt. Noch Jahre später konnte man über der Tür des Büros lesen: „Scrooge and Marley“. Manchmal nannten neue Kunden ihn Mr. Scrooge, manchmal Mr. Marley. Er antwortete auf beide Namen. Das war ihm ganz egal.
Ach, was für ein alter Geizhals war dieser Scrooge! Er nahm alles, er presste alles aus, er behielt alles. Er war hart wie Stein, verschlossen und einsam wie eine Auster. Die Kälte war in ihm. Sie ließ sein Gesicht erstarren, sie kniff ihn in die Nase und färbte seine Lippen blau. Er trug diese Kälte überall mit sich herum. Mitten im Sommer war sein Büro eiskalt, und zu Weihnachten heizte er es nicht um ein einziges Grad wärmer.
Niemand hielt ihn je auf der Straße an, um zu sagen: „Mein lieber Scrooge, wie geht es Ihnen?“ Kein Bettler bat ihn um eine Münze, kein Kind fragte ihn nach der Uhrzeit. Sogar die Hunde der Blinden schienen ihn zu kennen. Wenn sie ihn kommen sahen, zogen sie ihren Herrn in einen Hauseingang, um ihn vorbeizulassen.
Aber was kümmerte das Scrooge! Genau das wollte er.
Es war einmal, am Heiligabend – dem schönsten Tag des Jahres –, ein alter Geizhals, der in seinem Büro arbeitete. Es war natürlich Scrooge. Es war schrecklich kalt, und dichter Nebel lag über der Stadt. Es war erst drei Uhr nachmittags, aber es war schon dunkel. In den Büros nebenan hatte man Kerzen angezündet. Der Nebel drang durch jede Ritze und durch jedes Schlüsselloch.
Die Tür von Scrooges Büro stand offen, denn er wollte seinen Angestellten, Bob Cratchit, im Auge behalten. Bob schrieb in einer kleinen, dunklen, eiskalten Kammer Briefe ab. Scrooge hatte ein sehr kleines Feuer, aber Bobs Feuer war noch kleiner: Es sah aus wie ein einziges Stück Kohle. Bob konnte nichts nachlegen, denn Scrooge bewahrte den Kohlenkasten in seinem eigenen Büro auf. Deshalb hatte Bob seinen langen weißen Schal umgelegt, und er versuchte, sich die Hände an der Kerze zu wärmen.
„Frohe Weihnachten, Onkel!“, rief eine fröhliche Stimme.
Es war Fred, Scrooges Neffe. Er war schnell durch die Kälte gegangen, und er hatte rote Wangen und glänzende Augen.
„Pah!“, antwortete Scrooge. „Humbug!“
„Weihnachten, ein Humbug? Das meinen Sie nicht ernst, Onkel!“
„Doch, das meine ich ernst. Frohe Weihnachten! Mit welchem Recht sind Sie fröhlich? Sie sind doch arm genug.“
„Und Sie, Onkel, mit welchem Recht sind Sie traurig? Sie sind doch reich genug.“
Scrooge hatte keine bessere Antwort. Also sagte er noch einmal:
„Pah! Humbug!“
„Seien Sie nicht böse, Onkel!“
„Wie soll ich nicht böse sein, in einer Welt voller Dummköpfe? Frohe Weihnachten! Was ist Weihnachten? Das ist die Zeit, in der man Rechnungen ohne Geld bezahlt. Das ist die Zeit, in der man ein Jahr älter wird und keinen Penny reicher. Wenn es nach mir ginge, würde man jeden Dummkopf, der ‚Frohe Weihnachten‘ sagt, in seinem eigenen Pudding kochen! Und man würde ihn mit einem Stechpalmenzweig im Herzen begraben!“
„Onkel!“
„Neffe, feiern Sie Weihnachten auf Ihre Art, und lassen Sie mich es auf meine Art feiern.“
„Aber Sie feiern es doch gar nicht!“
„Dann lassen Sie mich es vergessen. Hat Ihnen Weihnachten jemals etwas gebracht?“
„Viele Dinge haben mir gutgetan, ohne mir Geld zu bringen“, antwortete Fred. „Weihnachten zum Beispiel. Für mich war Weihnachten immer eine gute Zeit: eine Zeit der Freundlichkeit, der Vergebung und der Großzügigkeit. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der Männer und Frauen ihr Herz öffnen. Dann sehen sie die Armen als Reisegefährten, die zum selben Grab gehen wie sie selbst. Weihnachten hat mir nie ein Goldstück in die Tasche gesteckt, Onkel. Aber ich glaube, dass es mir gutgetan hat und dass es mir weiter guttun wird. Und darum sage ich: Gott segne Weihnachten!“
In seiner Kammer klatschte Bob Cratchit, ohne nachzudenken. Sofort verstand er seinen Fehler. Verlegen wollte er im Feuer stochern, aber dabei löschte er seine letzte kleine Flamme.
„Noch ein Geräusch“, sagte Scrooge zu ihm, „und Sie feiern Weihnachten, indem Sie Ihre Stelle verlieren! Und Sie, Neffe, reden so gut, dass Sie Abgeordneter werden sollten.“
„Seien Sie nicht böse, Onkel. Kommen Sie morgen zum Essen zu uns!“
Scrooge sagte ihm, er solle zum Teufel gehen.
„Aber warum?“, fragte Fred. „Warum?“
„Warum haben Sie geheiratet?“
„Weil ich mich verliebt habe.“
„Weil Sie sich verliebt haben!“, knurrte Scrooge, als wäre das das Einzige auf der Welt, das noch lächerlicher war als Weihnachten. „Auf Wiedersehen!“
„Ich verlange nichts von Ihnen, Onkel. Warum können wir nicht Freunde sein?“
„Auf Wiedersehen!“
„Es tut mir wirklich leid. Aber ich behalte meine gute Weihnachtslaune bis zum Schluss. Frohe Weihnachten, Onkel!“
„Auf Wiedersehen!“
„Und ein gutes neues Jahr!“
„Auf Wiedersehen!“
Fred ging hinaus, ohne ein böses Wort. An der Tür blieb er stehen, um Bob frohe Weihnachten zu wünschen. Bob fror, aber sein Herz war wärmer als das von Scrooge, und er antwortete ihm voller Freude.
„Noch so ein Verrückter!“, knurrte Scrooge. „Mein Angestellter, mit fünfzehn Schilling in der Woche, mit Frau und Kindern, und er redet von frohen Weihnachten! Ich komme noch ins Irrenhaus.“
Fünfzehn Schilling in der Woche, das war weniger als ein Pfund: ein sehr kleiner Lohn, um eine Familie zu ernähren.
Beim Hinausgehen hatte Fred zwei gut gekleidete Herren hereingelassen. Sie hatten ihre Hüte abgenommen und hielten Papiere in der Hand.
„Scrooge and Marley, nicht wahr?“, fragte einer von ihnen und sah auf seine Liste. „Habe ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley zu sprechen?“
„Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot“, antwortete Scrooge. „Er ist am Heiligabend gestorben. Heute vor sieben Jahren, in dieser Nacht.“