Früher war ich mir nur in sehr wenigen Dingen sicher. Aber in einer Sache war ich mir wenigstens sicher: Ich hieß Mattia Pascal.
Wenn ein Freund zu mir kam und mich um Rat fragte, zuckte ich mit den Schultern, schloss halb die Augen und antwortete ihm:
„Ich heiße Mattia Pascal.“
„Danke, mein Lieber, das weiß ich.“
„Und du findest, das ist wenig?“
Es war nicht viel, das stimmt. Aber ich wusste noch nicht, wie es ist, wenn man nicht einmal mehr das sagen kann.
Heute nennen mich manche Leute in Miragno, meiner kleinen Stadt am Meer, lachend „den verstorbenen Mattia Pascal“. „Verstorben“ ist ein feierliches Wort für „tot“. Man sagt zum Beispiel „mein verstorbener Großvater“, wenn der Großvater gestorben ist. Ich bin also ein Toter, und trotzdem atme ich, ich esse, ich gehe spazieren, und ich schreibe Ihnen.
Das Seltsamste ist, dass ich schon zweimal gestorben bin. Das erste Mal war es ein Irrtum. Das zweite Mal … Sie werden sehen.
Ich schreibe Ihnen aus der Bibliothek von Miragno. Im Jahr 1803 hinterließ ein gewisser Monsignore Boccamazza unserer Stadt alle seine Bücher, und die Stadt hat sie nie gelesen. Jahrelang blieben diese Bücher in einem feuchten Lagerraum. Dann brachte man sie in eine kleine verlassene Kirche, Santa Maria Liberale, wo niemand mehr betet. Fast zwei Jahre lang war ich es, der diese Bücher hütete. In Wahrheit war ich weniger ein Bücherwächter als ein Rattenjäger.
Heute hütet mein Freund Don Eligio Pellegrinotto, ein Priester, die Bücher. Den ganzen Tag steigt er auf eine hohe Leiter und wirft verstaubte Bücher auf den Tisch in der Mitte der Kirche. Jedes Mal steigt eine graue Wolke auf, und zwei oder drei Spinnen laufen davon. Er hat mir geraten, meine Geschichte aufzuschreiben.
Ich schreibe sie hier, in der kleinen Ecke für den Bibliothekar, unter dem Licht, das von einem Fenster ganz oben in der Kirche fällt. Wenn ich fertig bin, hinterlasse ich dieses Manuskript der Bibliothek. Man darf es erst fünfzig Jahre nach meinem dritten Tod öffnen, dem letzten, dem echten.
Manche Dinge, die ich erzählen werde, machen mir keine Ehre. Aber ich bin schon ein wenig außerhalb des Lebens, also kann ich alles sagen.
Ich beginne also mit meiner Familie.
Mein Vater war Kaufmann. Er fuhr mit einem kleinen Segelschiff über das Meer, und er kaufte und verkaufte Waren aller Art. Die Alten in Miragno erzählen noch heute, dass er sein Vermögen in Marseille beim Kartenspiel gewonnen hatte, gegen einen englischen Kapitän. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß nur, dass er mit seinem Geld Land gekauft hatte: Olivenhaine, Weinberge, eine schöne Villa und die Stia, einen Bauernhof mit einer Quelle und einer Mühle. In der Stadt besaß er außerdem mehrere Häuser.
Ich war viereinhalb Jahre alt, als er starb. Er war geschäftlich nach Korsika gereist, und ein Fieber tötete ihn in drei Tagen, mit achtunddreißig Jahren.
Meine Mutter war eine sanfte, schüchterne Frau, die wie ein kleines Mädchen sprach. Nach dem Tod meines Vaters war sie oft krank. Weil sie nichts von Geschäften verstand, vertraute sie das ganze Erbe einem Verwalter an, Batta Malagna. Mein Vater hatte diesem Mann sehr geholfen, und sie glaubte, er würde dafür dankbar sein.
Die Schwester meines Vaters, Tante Scolastica, glaubte das ganz und gar nicht. Sie war eine schreckliche alte Jungfer, dunkelhaarig, mit Augen wie ein Frettchen. Sie kam meine Mutter besuchen, regte sich nach fünf Minuten auf, dann stampfte sie mit dem Fuß auf den Holzboden und rief:
„Hörst du, wie hohl das klingt? Der Maulwurf! Der Maulwurf!“
Der Maulwurf ist das kleine Tier, das unter unseren Füßen in der Erde gräbt, ohne dass man es sieht. Für meine Tante war der Maulwurf Malagna.
Sie wollte meine Mutter wieder verheiraten, mit dem Vater meines Freundes Pomino, einem Witwer. In seiner Jugend hatte dieser Mann um die Hand meiner Tante selbst angehalten. Sie hatte Nein gesagt, aber er war ihr Freund geblieben. Meine Mutter lachte über diese Idee und wollte nichts davon hören.
Ich hatte einen Bruder, Roberto, den wir Berto nannten. Er war zwei Jahre älter als ich. Er war schön und elegant, und er verbrachte Stunden vor seinem Spiegel. Ich war nicht schön, und vor allem hatte ich ein Auge, das auf eigene Faust woandershin schaute. Man hatte mir eine große runde Brille aufgesetzt, damit es geradeaus schaute, aber eines Tages warf ich sie weg. Mit achtzehn Jahren eroberte ein großer roter, krauser Bart mein Gesicht, und meine kleine Nase verlor sich zwischen diesem Bart und meiner hohen Stirn. Das kümmerte mich nicht: Ich war gesund, und das genügte mir.
Inzwischen kam Malagna mit trauriger Miene zu meiner Mutter.
„Wieder ein schlechtes Jahr!“, seufzte er, wenn er hereinkam.
In einem Jahr hatte der Nebel die Oliven zerstört. In einem anderen Jahr hatte eine Krankheit die Weinstöcke vernichtet. Man musste sich Geld leihen und dann ein Stück Land verkaufen, um die Schulden zu bezahlen. So verloren wir die Weinberge, dann die Olivenhaine, dann die Villa. Uns blieben die Häuser und die Stia mit ihrer Mühle.
Trotzdem fehlte es uns jahrelang an nichts, und wir machten uns keine Sorgen. Berto und ich waren zwei Faulenzer. Berto hatte das Glück, rechtzeitig ein reiches Mädchen zu heiraten, und er zog nach Oneglia. Auch ich heiratete. Aber meine Ehe …
Merken Sie sich diesen Namen gut: die Stia. Dort, im Mühlbach dieser Mühle, bin ich zum ersten Mal gestorben.